Verzeihen als Anspruch, Grollauflösung als Befreiung

Manchmal tragen wir Groll (alte Wut) mit uns herum und haben dann mit den guten Ratschlägen zu tun und vielleicht auch dem eigenen Anspruch, dass wir doch verzeihen sollten. Wenn Vergebung von Herzen kommt, wenn sie wie eine reife Frucht vom Baum der Erkenntnis fällt, weil wir den anderen verstehen können, dann ist das wunderbar. Auch, wenn wir als Ergebnis eines tiefen Prozesses verzeihen können.

Was aber, wenn Verzeihen sich schwächend anfühlt? Wie ein Verlust, wie eine Entwaffnung, so als würden wir klein bei geben – wie ein Anspruch, der uns unter Druck setzt, bei dem aber große innere Anteile nicht mitspielen? Vergebung, die nicht vom Herzen kommt, wäre eine hohle Geste und nur kontraproduktiv!

Alte Wut aufbewahren – eine hilflose Strategie, eine Rechnung, die nicht aufgeht

Wenn wir nicht verzeihen können oder wollen, hat das meist Gründe. Wir erhalten zum Beispiel alte Wut aufrecht, weil sie wie eine offene Rechnung ist, um deren Ausgleich wir sorgen wollen;  oder wir halten an einer Erinnerung fest, damit etwas Schlimmes nicht wieder passiert. Wir erhalten alte Wut also aufrecht, weil ein Teil in uns sich etwas davon verspricht. Dies ist auch der Teil, der nicht bereit ist, zu verzeihen.

Ein wichtiger Schritt besteht nun darin, zu verstehen, dass dieses Rechnung-Aufbewahren, dieses Wut-Aufrechterhalten eine Strategie ist, die aus der Hilflosigkeit geboren ist, in der Hilflosigkeit gefangen hält und einfach nicht in unserem Sinne funktioniert. Oft reicht der Beginn dieser Strategie zurück in die Tage unserer Kindheit, als wir wirklich in vieler Hinsicht hilflos waren. Zu dem hatten wir wenig Chancen, durch Ausdrücken unserer Wut und unserer Entschiedenheit unser Recht zu erhalten.

Damals dachten wir etwa: „Jetzt bin ich nicht stark genug, zu meinem Recht zu kommen – aber warte nur bis ich groß bin, dann werde ich … !“ Die Rechnung war aufgestellt, die Strategie installiert.

Die verschiedenen Strategien, diese Rechnungen zu begleichen, sind aus der Hilflosigkeit geboren und funktionieren nicht.

Hier einige Beispiele:

Wir halten an altem Groll fest …

" ... damit es nicht wieder passiert"

Bei dieser Strategie halten wir an der Wut fest, weil wir sie sozusagen als Faustpfand nutzen wollen, als Absicherung dafür, dass etwas Schlimmes nicht wieder passiert. Dazu müssen wir ein genaues Bild von dem, was wir nicht wollen, in uns festhalten, gekoppelt mit unserem Kampf dagegen. Welchen Raum nimmt das in uns ein? Wir „installieren“ es innerlich an der Stelle, wo sonst unsere selbstverständliche Erwartung und Entschiedenheit wäre, das zu bekommen, was wir eigentlich wollen.

An der Stelle der selbstverständlichen Erwartung, von meinem Partner gut behandelt zu werden, sitzt beispielsweise mein Bild von meinem Vater, der mich vernachlässigte oder schlug. An der Stelle meiner natürlichen Reaktion auf gute Behandlung sitzt mein alter Groll, meine chronische Habachtstellung und meine permanente Kampfhaltung gegen die damalige schlechte Behandlung. Ich interpretiere alles gemäß meines inneren Bildes der schlechten Behandlung, erwarte sie und bereite mich energetisch darauf vor.

Ist es da verwunderlich, dass ich mit dieser Strategie genau das immer wieder erzeuge, was ich verhindern will?

" ... damit ich nicht genauso werde wie (mein Vater, meine Mutter etc.)!"

Dies ist eine Variation desselben Themas: Wir halten ein genaues Bild aufrecht von dem, wie wir nicht sein wollen (einschließlich unseres Kampfes dagegen) und installieren beides innerlich anstelle unserer Fähigkeit, so zu sein, wie wir wirklich sind. Es gibt noch eine weitere Variante:

„Damit ich ich-selbst sein kann“

Wenn wir genötigt wurden, immer irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen, wenn uns der eigene Willen nicht gelassen wurde; wenn wir vielleicht keinen Raum hatten, unseren eigenen Willen überhaupt kennenzulernen, dann kann es sein, dass wir mit zwanghafter Dauerrebellion reagieren.

Die Wut über die erfahrene Einengung ist dann gebunden in einem chronischen Sträuben gegen jede Art von Erwartung. Andere Versionen der gleichen Strategie sind auch zwanghafte Anti-Haltungen wie „Ich mache es auf meine Weise“ oder „Bevor ich Erwartungen entspreche und mich selbst verliere, versage ich lieber“.

Der Teil, der an dieser Strategie festhält, verfolgt dabei eine wichtige Absicht: Er will dafür sorgen, dass wir uns selbst treu sein können, dass wir nicht klein beigeben, dass wir frei sind. Es ist wie ein Schutzschild, das uns davor schützen soll, ganz in einem Netz von Erwartungen gefesselt zu sein.

Auch diese Strategie ist hilflos. Sie führt nicht zur angestrebten Freiheit sondern ist in der zwanghaften Rebellion gefangen. Wir können dann nicht wir selbst sein, weil wir gezwungen sind, Erwartungen nicht zu entsprechen. Das kann soweit gehen, dass wir sogar bei Erwartungen die wir selbst an uns richten, in die Antihaltung verfallen und uns selbst boykottieren – die beste Absicherung dafür, Nicht so sein zu können, wie wir wirklich sind.

"damit ich Wiedergutmachung bekomme!"

Wenn wir Ungerechtigkeit, Missachtung oder Vernachlässigung erlebt haben, können wir das wie einen Aktenkoffer voll offener Rechnungen mit uns herumtragen. Selbst wenn wir jetzt gut behandelt werden, begleicht das die Rechnungen nicht, da diese sich ja auf vergangene Situationen beziehen und das Ganze unbewusst passiert.

Während es also nichts Gutes gibt, was diese Rechnungen begleichen könnte, werden wir jedoch unbewusst jede weitere Situation der Vernachlässigung oder Ungerechtigkeit zu den alten Rechnungen hinzufügen. Das wirkt dann wie eine Bestätigung des Grolls und der Aktenkoffer wird immer schwerer.

Um Wiedergutmachung zu erlangen, präsentieren wir auch immer wieder die offenen Rechnungen. Dazu erzeugen wir eine möglichst gleichartige Situation wieder und hoffen, dass sie diesmal anders verläuft.

Eine achtunddreißigjährige Frau erlebte als Kind einen Vater, der keine Nähe erlaubte und dann die Familie verließ. Seit Jahren sucht sie sich immer wieder Männer, die Nähe nicht aushalten, und hofft – entgegen ihrer eigenen Erwartung –, dass es diesmal anders ausgeht.

Wir können auf diese Weise jahrelang die gleichen Situationen wiederholen und auf Wiedergutmachung hoffen. Je erfolgreicher wir darin sind, die gleiche Situation wieder zu erzeugen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die erhoffte Wiedergutmachung eintritt.

"damit ich Genugtuung erlange oder mich rächen kann!"

Diese Strategie verlangt, dass ich den selben Menschen oder einen ähnlichen Menschentyp wieder treffe und ihn das gleiche oder mehr von dem spüren lasse, was mir angetan wurde. Ist es das, was wir wirklich wollen? Eine Vermehrung dessen, was wir erlitten haben? Der Teil der wütend über schlechte Behandlung ist, will im Grunde mehr Respekt und gute Behandlung zwischen den Menschen. Wenn wir Rache suchen, bringen wir jedoch mehr Leid in die Welt. Wir erreichen also das Gegenteil von dem was wir eigentlich wollen. Und wer bestimmt, wann genug Rache genommen wurde?

Schritte, die herausführen aus der hilflosen Strategie

In Seminaren und in Einzel- und Paarsitzungen unterstütze ich Menschen durch folgende Schritte zu gehen:

Die Grollauflösung

  1. Den Groll, die alte Wut, aufspüren und beim Namen nennen.
  2. Den Willen, der in der Wut steckt, erspüren und bekräftigen; die Energie in der Wut in Besitz nehmen.
  3. Erkennen und benennen, mit welcher Absicht und an welche Strategie gebunden der Groll aufrechterhalten wird. Wenn möglich diese Strategie auch als Haltung, Spannungs- und Energiemuster im Körper erspüren.
  4. Mit einer bewussten Entscheidung zwei Schritte vollziehen:
    a) Das Festhalten an der alten, hilflose Strategie aufgeben;
    b) die in der alten Strategie gebundene Energie herauslösen und in die Entschiedenheit strömen lassen, auf direktem Weg das zu erreichen, was wir eigentlich wollen (Siehe Punkt 2).
  5. Wenn der vierte Schritt abgeschlossen ist, nachspüren, ob es einen Impuls gibt, jetzt von Herzen zu verzeihen.

(In etwas anders strukturierter Form ist diese Übung unter dem Titel „Grollauflösungs-Übung“ auch noch einmal im Übungsteil des Manuskripts für das neue Amaridianebuch enthalten). Dies ist ein energetisch-emotionaler Prozess, der sich mit Worten schwer beschreiben lässt. Oft löst sich dabei jahrelang festgehaltener Groll, dessen sich der Mensch gar nicht bewusst war, der aber das Fließen der Liebe eingefroren oder blockiert hatte.

Nach einer Grollauflösung verzeihen

Durch eine gründliche Grollauflösung übernehmen wir Verantwortung für uns in Bezug auf Themen, bei denen wir vorher Verantwortung abgegeben und mit der Verantwortung anderer vermengt hatten. Ja, der andere war und ist verantwortlich für sein Verhalten, aber wir sind verantwortlich dafür, wie wir wiederum darauf antworten. Machen wir uns zum Opfer und tragen hilflos Groll mit uns herum? Oder nehmen wir die zu Grunde liegende Wut in Besitz und übernehmen Verantwortung für unsere Heilung und das, was wir wollen? Gelingt uns das, wird authentisches Verzeihen auch da möglich, wo Vergebung vorher nur ein drückender Anspruch war.